unterstützt Eltern in der Medienerziehung

Verbieten! Sperren! Abschalten!

Die übliche Reaktion, mit der sich eine in Jugendfragen mehr und mehr überforderte Gesellschaft zu helfen versucht. Gefordert von der Lehrerschaft, die oft mehr Zeit mit den Jugendlichen als deren Eltern verbringt und daher verständlicherweise als erste sensibilisiert aufschreit. Nur: verbannen nützt nichts. Damit wird den Jugendlichen weiterer Freiraum genommen, ganz zu schweigen davon, dass die nächste Plattform à la "Festzeit"* auf den Fuss folgen würde.
Und das zu Recht. Zum "Jung-Sein" gehört Freiheit und Provokation. Die meisten heutigen Elternjahrgänge hatten es da noch einfach: Lange Haare, Jeans und zu Hause immer frisch fröhlich AC/DC auf volle Lautstärke aufdrehen, reichte meist, um die gewünschte tägliche Ration an Konflikt heraufzubeschwören und Grenzen gesetzt zu bekommen. Dazu kam eine eigene Sprache, genauso wie sie die Jugendlichen heute haben, die das ihre dazu tat. Die Trennlinien waren klar – hier die Jugendlichen, dort die Erwachsenen.
Davon kann keine Rede mehr sein. Wir Erwachsenen, unter dem Diktat des vorherrschenden Jugendlichkeitswahn, dringen immer weiter in die  Territorien der Jugendlichen vor. Vater und Mutter geben sich alle Mühe noch jünger als ihre Sprösslinge zu scheinen, spielen Kollegen statt Eltern und steigen so nach und nach aus der Erziehung aus. Ohne Grenzen ist es einleuchtend, dass die Jugendlichen zu immer heftigeren Provokationen Zuflucht nehmen, auch einfach damit mal „etwas“ passiert und Grenzen endlich mal fühlbar werden.
Will man nun „Festzeit“ wegen ein paar zu anstössigen, minderjährigen Halbnackigkeiten, Verbalinjurien und Verleumdungen verbieten, so nimmt man nicht nur eine weitere Spielwiese weg, sondern verschliesst sich auch einem echten Diskurs. Konsequent wäre dann auch das Abschalten der meisten empfangbaren Schrott-TV-Kanälen. Eine fatale Lösung, die uns nur den Spiegel der Überforderung vor Augen hält und einmal mehr die Fragen nach dem verloren gegangenen gesunden Menschenverstand stellt.
So gehört „Festzeit“ nicht aus der Schule verbannt, sondern im Gegenteil: in die Schule hinein.
Genau anhand von „Festzeit“ kann der kritische Umgang mit Medien sowie die Tragweite des eigenen Handelns im Internet, das zu häufig nicht als öffentlicher Raum, als „real“ wahrgenommen wird, gelehrt werden. In der Schule gibt es zwar Informatik-Unterricht, den es so nicht braucht, da die Jugendlichen meist virtuoser mit dem PC umgehen, als ihre Lehrkräfte. Aber eine dem Namen gerecht werdende Medienkunde mit klarer ethischer Grundlage gibt es nicht. Dazu reicht auch eine Wochenstunde nicht aus. Das Fach müsste angesichts der Wichtigkeit der Medien ein Hauptfach sein, am besten mit Einbezug der Eltern. Nur so kann Jugendlichen die Tragweite ihres Handelns im Internet nähergebracht werden. Und nur so wird den Eltern die Welt nähergebracht, in der sich die Jugendlichen in ihrer Freizeit so virulent bewegen. Ohne dass man ihnen schon wieder Freiraum wegnimmt.

Patrick Tschan, Vater und Kommunikationsberater


* festzeit.ch ist eine in der Nordwestschweiz intensiv genutzte Social Networking Plattform. Nachdem die Plattform immer wieder für teilweise massivste verbale Übergriffe auf andere Jugendliche, aber auch auf Lehrer, genutzt worden ist, wurde an den Schulen des Kantons Base-Stadt der Zugang zu festzeit.ch gesperrt. Der Baselbieter Landrat ist Regierungsrat Urs Wüthrich gefolgt und hat sich Anfang Mai 08 knapp gegen eine Sperrung an den Baselbieter Schulen ausgesprochen.

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