unterstützt Eltern in der Medienerziehung

Verloren im Cyberspace?

Die neuen Medien haben für Kinder und Jugendliche eine andere Bedeutung und oft auch einen anderen Stellenwert als für Erwachsene. Sie sind zwar immer öfter Werkzeuge zum Lernen und Informationen sammeln, vor allem aber auch

  • selbstverständliche Begleiter und Teil von Alltagsritualen,
  • Spielwiese und Experimentierfeld
  • ein Fenster zur Aussenwelt und Anschlussstelle für soziale Kontakte
  • Accessoires und Requisite zur Selbstdarstellung

Durch diese doch markante Präsenz in der Welt von Kindern und Jugendlichen erhalten die neuen Medien zwangsläufig auch in deren Identitätsfindung und Sozialisation ein grosses Gewicht. Während die Heranwachsenden ihre Identität sowie ihren Platz und ihre Rolle in der Gesellschaft suchen und definieren, sind sie zahlreichen Phänomenen ausgesetzt, die ihnen einerseits neue Möglichkeiten eröffnen, die sich andererseits jedoch oft nicht so einfach in die reale Welt einordnen lassen. Darum sollten Eltern wissen:

Social Networking-Plattformen und Chats sind eine Chance, unter sich zu sein.

Für Kinder und Jugendliche sind der Austausch und das Beisammensein mit Gleichaltrigen und insbesondere mit ihren Freunden bekanntlich existenziell. Das Internet bietet ihnen Gelegenheit, mit diesen in Kontakt zu bleiben, auch wenn ein direktes Zusammensein nicht möglich ist: sei es aus zeitlichen Gründen oder weil die Eltern nicht zulassen, dass man sich um 21 Uhr noch für eine halbe Stunde mit der ganzen Clique trifft.

Das Internet bietet sich als Ersatz für ein gut funktionierendes soziales Leben an.

Klappt es nicht mit den Klassenkameraden, will es nichts werden mit der Liebesbeziehung, zicken die Freundinnen mehr als üblich oder wollen einen die Kollegen aus dem Sportklub rausekeln, so kann sich, wer vorgesorgt hat, in die Arme seiner virtuellen Clique und Freunde flüchten. Diese sind auch schon mal pflegeleichter als reale Freunde und lassen sich bei Bedarf aktivieren und vermehren.

Heranwachsende können sich im Internet jeden Tag neu erfinden.

Im Internet ist es denkbar einfach, sich eine Scheinidentität zu geben. So können Kinder und Jugendliche nach Lust und Laune verschiedene Identitäten ausprobieren, sich für eine Zeit lang wie das ultimative IT-Girl fühlen, den wirklich harten bad boy geben oder den launigen Künstler raushängen lassen, ohne Bezug zur realen Welt.

Im Schutz der vermeintlichen Anonymität werden heikle Themen leichter angesprochen.

Fragen zu Sexualität, Liebe, Freundschaft oder Drogen können mit Gleichaltrigen besprochen werden. Zudem lassen sich im Internet zahlreiche Angebote für eine anonyme und niederschwellige Beratung zu solchen Themen finden.

Das Internet vergisst nichts.

Jede Bewegung, jede Handlung in den neuen Medien hinterlässt Spuren: lokal auf dem eigenen Computer, beim Provider und auf den besuchten Web-Servern. Stellt man an einer Stelle Informationen ins Netz, so hat man keine Kontrolle mehr über sie. Auch wenn man sie später löscht, sind sie mit beträchtlicher Wahrscheinlichkeit weiter in den unendlichen Weiten des Internet unterwegs – von anderen Nutzern kopiert, auf Servern archiviert oder in andere Informationen integriert.

Das Internet macht (nicht nur) aus Kids Stars.

Oder vielleicht auch eher nur Sternchen. Trotzdem: noch nie war es so verführerisch und einfach, im medialen Mittelpunkt zu stehen. Dazu muss nur auf einer Social Networking-Plattform ein passendes Bild veröffentlicht werden und schon ist man sich der Aufmerksamkeit sicher. Je auffälliger, desto besser. Aussehen, Sex und Gewalt haben die grösste Signalwirkung. Entsprechend erhalten erotisch aufgemachte Mädchen und Jungs in Machoposen am meisten Applaus, der im Internet als Punktebewertung, Kommentar oder Seitenklick daherkommt.

Internet verleiht Macht.

Noch nie war es so einfach, jemanden effizient, schnell und nachhaltig sozial zu zerstören. Die Möglichkeiten dazu sind im Internet mannigfaltig und reichen von beleidigenden Kommentaren über Veröffentlichungen von entblössendem oder herabsetzendem Bildmaterial bis zu ausgefeilten Mobbing- und Rufmordtechniken. Tun es Erwachsene, ist das schnell einmal strafbar. Kinder und Jugendliche müssen über die Tragweite solchen Handelns aufgeklärt werden.

Kinder können erst ab sechs Jahren zwischen real und virtuell unterscheiden.

Das gilt jedoch vor allem für herkömmliche Medien wie TV oder Film. Im Internet sind aufgrund des ungeordneten Nebeneinanders von richtigen und falschen Informationen, Dichtung und Wahrheit, Fiktion und Reportage für die Unterscheidung zwischen real und virtuell eine bedeutend höhere Medienkompetenz und -erfahrung nötig, als sie selbst Jugendliche vielfach noch mitbringen.

Konsum von Gewalt- und Pornodarstellungen kann das Verhalten beeinflussen.

Je älter die Kinder und Jugendlichen werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie im Internet mit Gewalt- oder Pornodarstellungen konfrontiert werden. Konsumieren sie diese unreflektiert und wiederholt, kann das Spuren hinterlassen. Wenn die Kinder und Jugendlichen keine Richtwerte zur Verfügung haben, an denen sie solche Inhalte messen und bewerten können, werden sie unter Umständen, Phänomene, die Ausdruck einer Randerscheinung, einer Perversion oder ganz einfach abgrundtief geschmacklos sind, für die Norm halten.

Ob sich das allerdings auf ihr Verhalten auswirkt, lässt sich daraus nicht automatisch schliessen. So konnten Wissenschaftler bisher nicht zweifelsfrei nachweisen, dass ein Zusammenhang zwischen Gewaltspielen und dem Aggressionsverhalten Jugendlicher besteht.

Internet kann süchtig machen.

Wer das Internet nutzt, um fehlende soziale Kontakte zu kompensieren, läuft gemäss neueren Untersuchungen Gefahr, süchtig zu werden. Bedrohlich wird es, wenn das reale Leben in den Hintergrund tritt und sich der online-Identität beugen muss. Auch wenn Kinder und Jugendiche scheinbar endlos in Foren und Chats „abhängen“ und stundenlang in Gamewelten abtauchen, braucht man sich keine Sorgen zu machen, solange das konkrete Leben ausserhalb des Netzes zentraler Bezugspunkt bleibt.

Internet: Informationsquelle oder Suchtmittel? Bericht zum Thema online-Sucht des Online-Jugendportals des Deutschen Bundestages, mitmischen.de.  

Das Internet ist ein Paralleluniversum.

Als virtuelle Spielwiese ermöglicht es das Internet, Parallelwelten zu schaffen. Virtuelle und reale Identitäten sind nicht zwangsläufig Gegensätze oder Gegenpole. Sie können sich durchaus ergänzen und gegenseitig beeinflussen. Ob das Schaffen von Parallelwelten ein fantasievolles, bereicherndes und kreatives Experiment bleibt, oder sich negativ auf das reale Leben auswirkt, hängt von der psychischen Konstellation und insbesondere der Medienkompetenz des Einzelnen ab. Gemäss einer Studie der Humboldt-Universität, die in Zusammenarbeit mit der Zürcher Suchtberatung "Offene Tür" erstellt worden ist, sind in der Schweizrund 50'000 Menschen internetsüchtig oder suchtgefährdet.

Das Internet setzt von sich aus keine Grenzen.

Wer in den neuen Medien unterwegs ist, vergisst leicht Zeit und Raum. Das gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche. Im Internet setzen im Zeitalter der Breitbandzugänge keine äusseren Zwänge zeitliche oder altersbedingte Grenzen. Während im realen Leben die Läden schliessen, in Kinos die letzte Vorstellung auch schon vorbei ist und Nachtclubs erst ab 18 Jahren besucht werden können, ist hier alles und das rund um die Uhr verfügbar. Darüber kann man als Heranwachsender schon mal die Zeit vergessen. Zeitliche, thematische und inhaltliche Grenzen müssen von aussen – von den Eltern – gesetzt werden.