unterstützt Eltern in der Medienerziehung

Soziale Netzwerke: facebook & Co.

Wohl kaum eine andere Anwendung der neuen Medien ist Eltern mehr suspekt und bei Kindern und Jugendlichen beliebter als die sogenannten sozialen Netzwerke. Auf diesen Internet-Plattformen verbringen Kinder und Jugendliche immer mehr Zeit. Dort präsentieren sie sich, stellen sich dar, versuchen sich in neuen Rollen, tauschen sich aus, sehen sich Bilder an, gewinnen Freunde, treffen Verabredungen. So weit, so gut. Warum also geben die sozialen Netzwerke immer wieder Anlass zu Diskussionen? Die Antwort liegt sicher in der Natur der sozialen Netzwerke und in der Tatsache, dass Kinder und Jugendliche hier neue Formen sozialen Verhaltens schaffen und dabei die Grenzen zwischen virtueller und realer Welt vielfach verwischen.

Was ist ein soziales Netz?

Die Namen kennen auch Eltern, doch oft wissen sie nicht genau, was sich dahinter verbirgt: facebook, Tilllate, MySpace, lautundspitz oder festzeit. Am besten lassen sich soziale Netzwerke über gemeinsame Merkmale beschreiben:

  • Die Mitglieder eines sozialen Netzwerks verbinden gemeinsame Interessen. In Fall der sozialen Netzwerke, die (Kinder und) Jugendliche unter ihren Mitgliedern haben, sind es Partys, Musik, Freizeit etc. sowie eine gehörige Portion Partnersuche.
  • Um Mitglied in einem sozialen Netz zu werden, muss man sich registrieren. Dazu werden in der Regel persönliche Angaben erhoben. Innerhalb des sozialen Netzwerks treten die Mitglieder unter einem Nickname auf.
  • Die Mitglieder erstellen persönliche Profile. Diese dienen einerseits der Information. Viel wichtiger jedoch ist ihre Funktion zur Selbstdarstellung: Über die verwendeten Bilder, die Angaben zu Hobbys, Interessen, Lieblingsmusik und Lebensmotto versuchen die Mitglieder sich so zu präsentieren, wie sie wahrgenommen werden wollen. Dabei können die Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit verwischt werden.
  • Soziale Netzwerke bieten Chat und Foren an. Im Chat können die Mitglieder in Realzeit kommunizieren und Kontakte knüpfen. In Foren wird zeitversetzt zu bestimmten Themen wie Filme, Sex oder auch Politik diskutiert.
  • Ein zentraler Bestandteil von sozialen Netzwerken sind Datenbanken. Diese verwalten neben Unmengen von Bildern und Videos auch Daten zu Veranstaltungskalendern etc.
  • Suchfunktionen erlauben es, im Datenbestand des sozialen Netzwerks gezielt nach Informationen über Mitglieder beziehungsweise nach Mitgliedern zu suchen. Wer will, kann so zum Beispiel alle weiblichen Mitglieder der Plattform aus dem Kanton Aargau suchen, die zwischen 13 und 15 Jahre alt sind. Oder nach unglücklich verliebten 17-jährigen männlichen Mitgliedern. Die Kombinationsmöglichkeiten variieren von Netz zu Netz. Die Ergebnisliste ermöglicht jeweils den Zugriff auf die Bilder dieser Zielgruppe.
  • Einige soziale Netzwerke bieten Bewertungsfunktionen an. Bewertet wird in der Regel das Aussehen der einzelnen Mitglieder mit einer vorgegebenen Bewertungsskala. Diese kann von „fantastisch“ zu „nicht mein Typ“ reichen.
  • Die Mitgliedschaft in sozialen Netzwerken ist mehrheitlich gratis. Finanziert werden die sozialen Netzwerke über Werbung auf der Plattform.

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Funktion der sozialen Netzwerke für Kinder und Jugendliche

Beliebt sind die sozialen Netzwerke bei Kindern und Jugendlichen, weil sie wichtige Funktionen in ihrem Alltag übernehmen und manche Lücke schliessen können.

  • Die sozialen Netzwerke sind zunächst Treffpunkte. Mitglieder finden hier ohne grossen Aufwand Gleichgesinnte.
  • Die sozialen Netzwerke vermitteln den Eindruck von Gruppenzugehörigkeit. Dieser Aspekt ist für Heranwachsende von grosser Bedeutung.
  • Die sozialen Netzwerke dienen als Kontaktbörsen. Es ist ungleich einfacher, auf der Plattform neue Personen kennenzulernen als in der realen Welt: Jeder, der Online ist, kann angesprochen werden. Das sind auf vielen Plattformen jeweils mehrere Tausend. Die teilweise Anonymität erleichtert zudem auch schüchternen Personen die Kontaktaufnahme.
  • Mitentscheidend für den Erfolg von sozialen Netzwerken bei Kindern und Jugendlichen ist sicherlich, dass sie ihnen eine Art „privaten Raum“ zur Verfügung stellen. Private Räume, in denen sie sich – auch in grösseren Gruppen – von Erwachsenen ungestört treffen können, sind in der realen Welt für Kinder und Jugendliche allzu oft Mangelware.

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Namen und Zahlen

Bekannte soziale Netzwerke für Kinder, Jugendliche und junge Menschen in der Schweiz sind unter anderem:

  • MySpace
  • Tilllate
  • Lautundspitz
  • PartyGuide
  • Kidscat
  • www.youme.ch
  • www.meinbild.ch
  • www.usgang.ch

Natürlich sind nicht alle sozialen Netzwerke gleichermassen für jedes Alter geeignet. Genutzt werden sie jedoch alle rege: Zahlen zu sozialen Netzwerken in der Schweiz:

  • MySpace.ch: 350‘000 User
  • tillate.ch: 614‘925 Member
  • festzeit: ca. 94‘000 Anmeldungen

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Positive Aspekte sozialer Netzwerke für Kinder und Jugendliche

Unbestreitbar haben soziale Netzwerke eine ganze Reihe positiver Auswirkungen auf den Alltag von (Kindern und) Jugendlichen.

  • Soziale Netzwerke bieten eine Art „privater Räume“, in welchen sich die Heranwachsenden von Erwachsenen unbeobachtet treffen können. Sie sind gewissermassen Freiräume, in denen die Jugendlichen selbst die Regeln bestimmen können.
  • Innerhalb sozialer Netzwerke lassen sich einfach viele neue Kontakte knüpfen und ein grosser, wenn auch virtueller, Freundeskreis aufbauen.
  • Kommunikation und Beisammensein mit Freunden sind unabhängig von Zeit und Raum möglich. In Anbetracht der doch beträchtlichen Belastung, der Kinder und Jugendliche heute in Schule und Ausbildung ausgesetzt sein können, ein wichtiges Argument. Wo und wie sonst könnten sich Jugendliche zum Ausgleich zwischen Schule und Hausaufgaben für eine halbe Stunde gleich mit vielen ihrer Freunde treffen?
  • Soziale Netzwerke vermitteln das Gefühl, dazuzugehören. Schon beim Einloggen wird man auf manchen Plattformen (automatisiert) willkommen geheissen: "Hey, schön, dich wieder bei uns zu haben!" Die Integration in die Bezugsgruppe, und das sind Communities von sozialen Netzwerken allemal, ist für Jugendliche von grosser Bedeutung.
  • Soziale Netzwerke bieten ihren Mitgliedern Zugang zu Informationen, die ihren Interessen entsprechen: Musik, Filme oder auch andere Mitglieder auf Partnersuche.

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Negative Aspekte – nicht nur aus Elternsicht

Soziale Netzwerke würden nicht immer wieder kritisiert, wenn nicht auch berechtigte Bedenken gegen eine Nutzung durch Kinder und Jugendliche vorgebracht würden.

  • Die vermeintliche Anonymität innerhalb der Community oder gegenüber der Aussenwelt kann Kinder und Jugendliche dazu verleiten, sich unangemessen zu äussern oder zu benehmen. Im Schutz des Nicknames werden so zum Beispiel Lehrer immer wieder massiv beleidigt oder andere Mitglieder gemobbt.
  • Kinder und Jugendliche geben innerhalb der Community eine Unmenge von teilweise sehr intimen Informationen preis. Sie scheinen sich nicht bewusst, dass sie damit auch ihre eigene Privatsphäre verletzen. Zum einen sind im Internet und auch innerhalb eines sozialen Netzwerkes alle Informationen einem weitaus grösseren Publikum zugänglich, als den meisten bewusst ist. Zum anderen hat niemand mehr die Kontrolle über solche Informationen, wenn sie einmal im Netz sind. Auch nicht über die zur eigenen Person. Bilder und Texte können kopiert und noch Jahre später – auch in äusserst unpassenden Momenten – wieder auftauchen. Darum sollten sich alle immer an die Regel halten: Think before you post!
  • Weil die Person, mit der man im Internet kommuniziert, auch ausgesprochen schlechte Absichten haben kann, oder nicht immer die sein muss, die sie zu sein vorgibt, bergen soziale Netzwerke Sicherheitsrisiken. Hier füllen sich Kinder und Jugendliche zudem oft recht sicher, da sie sich „unter sich“ glauben.
  • Auch innerhalb von sozialen Netzwerken besteht die Möglichkeit, mit Inhalten in Berührung zu kommen, die nicht altersgerecht sind. Wie gross dieses Risiko ist, hängt auch davon ab, ob bereits das Netz an sich altersgerecht ist. Sind 11-jährige Mitglied einer Partycommunity, so kann es durchaus vorkommen, dass sie im Forum detailliertesten Diskussionen zu Sexualpraktiken folgen können. Altersgerecht ist das sicher nicht.
  • Kinder und Jugendliche suchen die Akzeptanz und die Anerkennung ihrer Gruppe und richten sich nach deren Normen und Vorbildern. Diese übernehmen sie auch gerne aus den Medien. Stars aus der Musikszene und aus Filmen werden zum Massstab. Kinder und Jugendliche machen in den einschlägigen sozialen Netzwerken die Erfahrung, dass diejenigen am meisten Applaus bekommen, die diesen Normen und Vorbildern besonders nahekommen. Das heisst vielfach, dass Frauen besonders sexy, aufreizend und passiv, Männer ausgesprochen beherrschend, machohaft und kraftvoll sein sollen. Entsprechend kann Kinder und Jugendliche das eigene Bestreben, dazuzugehören, verleiten, sich auf der Plattform übertrieben sexualisiert zu präsentieren.
  • Nirgendwo sonst, weder in der digitalen noch in der realen Welt, kann so wirkungsvoll, effizient und nachhaltig gemobbt, ausgegrenzt und sozial vernichtet werden wie in sozialen Netzwerken. Zwar bekämpfen viele Betreiber diese Tendenzen, doch die Gefahr, innerhalb einer Community Opfer von Mobbing zu werden, ist nach wie vor deutlich grösser als in der realen Welt.

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Soziale Netzwerke sind kein rechtsfreier Raum

Unter dem Eindruck, in einem geschützten Raum zu sein, vergessen Kinder und Jugendliche in sozialen Netzwerken manchmal, dass auch hier die Gesetze und Regeln gelten. Von Verstössen besonders betroffen sein können der Schutz der Persönlichkeit (mehr dazu hier), der Datenschutz (mehr dazu hier) sowie das Urheberrecht (mehr dazu hier).

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Soziale Netzwerke sinnvoll nutzen

Für Kinder und Jugendliche können soziale Netzwerke durchaus eine Bereicherung und Erweiterung ihres Alltags sein. Damit sie diese auch sinnvoll nutzen können, ist es aber sicher angezeigt, einige Punkte zu beachten:

  • Das soziale Netz sollte dem Alter der Kinder und Jugendlichen entsprechen. 11- und 12-jährige sind in Party-Communities genau so fehl am Platz wie um 2 Uhr morgens in einer Diskothek.
  • Die Interessen der Kinder und Jugendlichen sollten sich mit den Inhalten des sozialen Netzwerkes decken.
  • Alle Beteiligten sollten bestehende Regeln einhalten. Die Betreiber der Website sind wie die Mitglieder an die Nutzungsbedingungen der Plattform gebunden. Eltern können mit ihren Kindern zudem Regeln vereinbaren, die festlegen, in welchen Zeitfenstern das soziale Netz genutzt werden kann, welche Inhalte weitergegeben werden dürfen etc.
  • Es sollte darauf geachtet werden, dass sich entweder die Betreiber der Plattform selbst ausdrücklich verpflichten, keine Angaben zu den registrierten Mitgliedern an Dritte – zum Beispiel für Marketingzwecke – weiterzugeben, oder für die Mitglieder die Möglichkeit besteht, dies ausdrücklich zu untersagen.
  • Auf vielen Plattformen wird gezielt geworben. Kinder und Jugendliche sollte darüber aufgeklärt sein, dass sie Angeboten auch auf „ihrer“ Plattform kritisch gegenüberstehen sollten.

Verbieten! Sperren! Abschalten!

Die übliche Reaktion, mit der sich eine in Jugendfragen mehr und mehr überforderte Gesellschaft zu helfen versucht. Gefordert von der Lehrerschaft, die oft mehr Zeit mit den Jugendlichen als deren Eltern verbringt und daher verständlicherweise als erste sensibilisiert aufschreit. Nur: verbannen nützt nichts. Damit wird den Jugendlichen weiterer Freiraum genommen, ganz zu schweigen davon, dass die nächste Plattform à la "Festzeit"* auf den Fuss folgen würde.
Und das zu Recht. Zum "Jung-Sein" gehört Freiheit und Provokation. Die meisten heutigen Elternjahrgänge hatten es da noch einfach: Lange Haare, Jeans und zu Hause immer frisch fröhlich AC/DC auf volle Lautstärke aufdrehen, reichte meist, um die gewünschte tägliche Ration an Konflikt heraufzubeschwören und Grenzen gesetzt zu bekommen. Dazu kam eine eigene Sprache, genauso wie sie die Jugendlichen heute haben, die das ihre dazu tat. Die Trennlinien waren klar – hier die Jugendlichen, dort die Erwachsenen.
Davon kann keine Rede mehr sein. Wir Erwachsenen, unter dem Diktat des vorherrschenden Jugendlichkeitswahn, dringen immer weiter in die  Territorien der Jugendlichen vor. Vater und Mutter geben sich alle Mühe noch jünger als ihre Sprösslinge zu scheinen, spielen Kollegen statt Eltern und steigen so nach und nach aus der Erziehung aus. Ohne Grenzen ist es einleuchtend, dass die Jugendlichen zu immer heftigeren Provokationen Zuflucht nehmen, auch einfach damit mal „etwas“ passiert und Grenzen endlich mal fühlbar werden.
Will man nun „Festzeit“ wegen ein paar zu anstössigen, minderjährigen Halbnackigkeiten, Verbalinjurien und Verleumdungen verbieten, so nimmt man nicht nur eine weitere Spielwiese weg, sondern verschliesst sich auch einem echten Diskurs. Konsequent wäre dann auch das Abschalten der meisten empfangbaren Schrott-TV-Kanälen. Eine fatale Lösung, die uns nur den Spiegel der Überforderung vor Augen hält und einmal mehr die Fragen nach dem verloren gegangenen gesunden Menschenverstand stellt.
So gehört „Festzeit“ nicht aus der Schule verbannt, sondern im Gegenteil: in die Schule hinein.
Genau anhand von „Festzeit“ kann der kritische Umgang mit Medien sowie die Tragweite des eigenen Handelns im Internet, das zu häufig nicht als öffentlicher Raum, als „real“ wahrgenommen wird, gelehrt werden. In der Schule gibt es zwar Informatik-Unterricht, den es so nicht braucht, da die Jugendlichen meist virtuoser mit dem PC umgehen, als ihre Lehrkräfte. Aber eine dem Namen gerecht werdende Medienkunde mit klarer ethischer Grundlage gibt es nicht. Dazu reicht auch eine Wochenstunde nicht aus. Das Fach müsste angesichts der Wichtigkeit der Medien ein Hauptfach sein, am besten mit Einbezug der Eltern. Nur so kann Jugendlichen die Tragweite ihres Handelns im Internet nähergebracht werden. Und nur so wird den Eltern die Welt nähergebracht, in der sich die Jugendlichen in ihrer Freizeit so virulent bewegen. Ohne dass man ihnen schon wieder Freiraum wegnimmt.

Patrick Tschan, Vater und Kommunikationsberater


* festzeit.ch ist eine in der Nordwestschweiz intensiv genutzte Social Networking Plattform. Nachdem die Plattform immer wieder für teilweise massivste verbale Übergriffe auf andere Jugendliche, aber auch auf Lehrer, genutzt worden ist, wurde an den Schulen des Kantons Base-Stadt der Zugang zu festzeit.ch gesperrt. Der Baselbieter Landrat ist Regierungsrat Urs Wüthrich gefolgt und hat sich Anfang Mai 08 knapp gegen eine Sperrung an den Baselbieter Schulen ausgesprochen.

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